20.4.2007
Kurt Kramer gilt als deutscher Glockenpapst
Portrait
Jede zehnte Glocke ist beschädigt
Die Forscher der Fachhochschule Kempten nehmen bei dem mit 1,6 Millionen Euro dotierten Projekt von historisch wertvollen Glocken einen "klanglichen Fingerabdruck". Im Computer gespeichert und über die Jahre miteinander verglichen, können die elektronischen Klangaufnahmen und Schwingungsmessungen Hinweise auf Veränderungen und Schäden der sensiblen Bronze-Körper geben.
Kramers Zustandsbeschreibung klingt dramatisch: "In den vergangenen 50 Jahren sind mehr Glocken kaputtgegangen als in den 500 Jahren davor", analysiert der 63-Jährige ein wenig bekümmert.
Vermutlich seien 10 Prozent der rund 90.000 Glocken in der Bundesrepublik beschädigt. Eine der prominentesten war die Erfurter "Gloriosa", mit 11,5 Tonnen die größte frei schwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Die "Ruhmreiche" musste im Jahr 2004 wegen eines Haarrisses aus dem Domturm ausgebaut und umfangreich restauriert werden.
"Glocken sind in der Seele der Deutschen sehr tief verwurzelt"
Verantwortlich für die Schäden sind nach Angaben von Kramer, der Glockenexperte der Deutschen Bischofskonferenz ist, insbesondere die neuen harten Stahlklöppel, die den historischen Glocken stark zusetzen. Den Gemeinden empfiehlt der Experte, das Geläut regelmäßig zu warten, auf weichere Klöppel zurückzugreifen und die Glocken häufiger zu drehen.
Selbst solche eher trockenen technischen Informationen vermittelt der 63-jährige Badener, der bei seiner Arbeit stets einen roten Hut trägt, mit Herzblut. "Glocken sind in der Seele der Deutschen sehr tief verwurzelt", sagt er, und man merkt, dass das auch für ihn gilt. An mehr als 200 Tagen im Jahr steigt der auch als Glockenpapst bezeichnete Kramer in Deutschlands Glockentürme. In Büchern und Fernsehbeiträgen hat er die Geschichte und Bedeutung der Klangkörper schon erläutert. Erst kürzlich hat ihn ein Verlag gebeten, ein Buch mit viel Kulturgeschichte und zahlreichen Gedichten über Glocken herauszugeben.
Deutschland beherbergt 8 der 20 europäischen Glockengießereien
Als Herkunftsland der Glocken gilt China, wo sie schon vor 4.000 Jahren bekannt waren. In Europa hielten die Signalgeber zu Beginn des fünften Jahrhunderts in christlichen Klostergemeinschaften Einzug. Karl der Große sorgte dann im neunten Jahrhundert dafür, dass Glocken auch außerhalb der Klöster europaweit verbreitet wurden. Seitdem entwickelte sich in Deutschland eine große Tradition der Glockengießkunst. Noch heute befinden sich 8 der 20 europäischen Glockengießereien in der Bundesrepublik.
Glocken als Taktgeber für den Tag, als Unterbrechung des
Alltagstrotts: "Ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein für Glocken als Symbole wieder gewachsen ist", freut sich der Experte. Als Beweise dafür wertet er, dass die Zahl der Klagen gegen Glockengeläut zurückgegangen sind und dass kaum eine Gemeinde, deren Kirche geschlossen werden soll, ihre Glocken ohne Widerstand hergibt.
Glockentraditionen des Osterfestes: "Gänsehaut"
Umso mehr müssten die Kirchengemeinden das große Interesse an Glocken für ihre Verkündigung nutzen, rät Kramer. So bedauert er, dass das früher übliche Taufgeläut in Vergessenheit geraten sei. "Es geht uns nicht nur alle etwas an, wenn ein Mensch aus der Gemeinde stirbt. Wenn ein Mensch in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen wird, ist das allemal ein herzliches Willkommengeläute und ein Gebet wert."
Besonders eindrucksvoll empfindet der 63-Jährige die Glockentraditionen des Osterfestes: Das Verstummen der Glocken am Gründonnerstag und dann ihr Jubel in der Osternacht: "Da beginnt etwas ganz Neues, die Auferstehung wird hör- und spürbar", schwärmt Kramer. "Das ist bei mir jedes Mal mit viel Gänsehaut verbunden."
( dr / kna )