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3.3.2011

Der Theologe Holtbernd über Lachen und Humor in der Kirche

"Ein weiser Papst lässt das zu"

Thema des Bottroper Psychologen und Theologen Thomas Holtbernd ist das Lachen. Derzeit promoviert er an der Hochschule für Philosophie in München über das Lachen als leibliches Phänomen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich zu Karneval und Humor in der Kirche.

KNA: Herr Holtbernd, Sie schreiben gerade eine Doktorarbeit zum Thema Lachen. Können Sie über das Thema eigentlich noch lachen?
Holtbernd: Solange ich kein Plagiat schreibe, geht"s. Es ist aber auch notwendig, sich von der ernsten Seite her das Lachen anzuschauen. Dann erkennt man ganz viele Dinge - und kann danach wieder lachen. Ich will diese Oberflächlichkeit, die häufig mit Lachen und Humor verbunden ist, ein bisschen ankratzen und gucken:
Was steckt wirklich dahinter?

KNA: Und was steckt dahinter?
Holtbernd: Sehr Interessantes offenbart da die christliche Tradition des Ostergelächters. Lange Zeit war es üblich, dass Priester zu Ostern mit ihrer Predigt die Leute zum Lachen bringen mussten. Und dabei - das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen - bildete das Thema Sexualität einen zentralen Punkt. Häufig wirft man der Kirche ja Sexualfeindlichkeit vor. Das scheint aber beim Ostergelächter überhaupt nicht der Fall gewesen zu sein. Das heißt: Hinter dem Lachen steckt etwas Leibliches und Befreiendes. Dieser Spur nachzugehen, finde ich spannend.

KNA: Wo liegen die Ursprünge dieses Ostergelächters?
Holtbernd: Ausgangspunkt ist Ostern als Fest der Freude. Und diese Osterfreude sollte sichtbar und hörbar werden. Damit ist das Ostergelächter natürlich auch eine Gegenbewegung zu dem, was die Kirchenväter gedacht haben. Sie lehnten das Lachen ja eher ab - mit dem Hinweis, dass Jesus nicht gelacht habe. In der Bibel gibt es keine Stelle, wo Jesus gelacht hätte. Und das wurde dann so gedeutet, dass Lachen nicht gut sei oder man nur über die Nicht-Glaubenden lachen dürfe. Demgegenüber hat sich das Ostergelächter als eine Sache des Volkes entwickelt - genau wie vielleicht heute der Karneval. Da fühlen sich Kirchenobere auch nicht so toll, wenn über sie gelacht wird.

KNA: Gibt es noch andere Humor-Traditionen in der Kirche?
Holtbernd: Wir kennen die Tradition der Nikolaus-Mimik. Am Nikolaustag durften die Priesteramtskandidaten Witze über Professoren und Bischöfe machen. Im früheren Karneval hatte auch der niedere Klerus, also die Diakone, eine Woche lang Zeit, richtig über die Oberen herzuziehen. Eine Art von Ventil. Und ein weiser Bischof oder ein weiser Papst lässt dies zu. Übrigens hat Papst Benedikt XVI. in einem Buch geschrieben, dass er das Lachen durchaus als liturgische Form wieder einführen möchte.

KNA: Was hat Papst Benedikt XVI. damit gemeint?
Holtbernd: Im Sinne des Ostergelächters will er deutlich machen, dass das Christentum etwas Leichtes und Freudiges an sich hat. Wer nur fromm betet, der hat irgendwie die Freude des Christentums nicht verstanden.

KNA: Die Ursprünge des Karnevals liegen ja auch im Christentum begründet. Ist das in der heutigen Zeit verloren gegangen?
Holtbernd: Allerdings. Das liegt daran, dass viele Menschen mit Kirche nichts mehr zu tun haben. Der Karneval ist aber mit der unmittelbar folgenden Fastenzeit verknüpft. Das ist vielleicht auch deshalb nicht mehr im Bewusstsein, weil Religion und Theologie sich viel zu ernst geben. Sie sind stets an den hohen Dingen interessiert, aber nicht an dem, was einen Menschen ausmacht. Und der möchte einfach mal lachen. Wenn man auf die Welt kommt, lächelt man als erstes die Mama an. Die lächelt zurück - und zack ist das Leben gut.

KNA: Was ist mit Begriff des "erlösenden Lachens" gemeint?
Holtbernd: Wir als Christen glauben an den Himmel und wissen uns erlöst. Und das sollte sich eben in der Freude und einer entspannten Gesichtsmuskulatur zeigen.

KNA: Ist Humor eine lustige oder ernste Angelegenheit?
Holtbernd: Das kommt drauf an. Guten Humor zu produzieren, ist eine sehr ernste Angelegenheit. Ein Kabarettist, der einen Lacher erzeugen will, muss ganz hart daran arbeiten. Und wenn man sich wissenschaftlich mit Humor beschäftigt, wird es natürlich auch ernst. Generell aber macht Humor das Leben leicht.

KNA: Auf den Karneval folgt direkt die Fastenzeit - ist es dann mit dem Lachen vorbei?
Holtbernd: Für mich gehört das Lachen auch zur Fastenzeit. Jesus hat dazu aufgefordert, sich das Fasten nicht ansehen zu lassen. Wenn Fasten als Befreiung von den Schlacken des Lebens verstanden wird, dann ist damit etwas Befreiendes verbunden. Wir betrachten Fasten leider immer als Verzicht und als etwas Beschwerliches. Dabei bedeutet Fasten zunächst einmal ein Sichhinwenden auf etwas - und von daher steht dem Lachen nichts entgegen.

KNA: Muss das Lachen wieder mehr in die Kirche Einzug halten?
Holtbernd: Gerade bei den Pfarrern merke ich den Versuch, das Thema wieder in die Kirche zurückzuholen. Und wenn ich zu Vorträgen in Gemeinden eingeladen werde, spüre ich ein großes Bedürfnis nach Humor. Viele Zuhörer sagen mir dann, wie gut es tut, einmal nicht über die Krise der Kirche zu reden, sondern über das, was an Freudigem in ihr steckt und was das Christsein schön macht.

Interview: Stefan Klinkhammer