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10.2.2011

Orientierungslose Jugendliche besonders anfällig für islamistische Ideologie

Verfassungsschutz warnt vor Salafisten

Der schleswig-holsteinische Verfassungsschutz warnt vor der zunehmenden Verbreitung des sogenannten Salafismus. Die radikal-islamische Strömung gewinne immer mehr Anhänger gerade unter jungen Leuten, die "in der Gesellschaft noch nicht Fuß gefasst haben", sagte der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz, Horst Eger, am Donnerstag in Kiel.

 (© dapd )

(© dapd)

Hassbotschaften von Salafisten dürfe man nicht als irrelevante Handlungen verwirrter Jugendlicher abtun. Zwar würden viele Anhänger die Ideologie kaum richtig verstehen. "Es gibt aber europaweit Erfahrungen mit solchen Personen, die eben nicht nur gesponnen, sondern die Terroranschläge ausgeübt haben", sagte Eger der Nachrichtenagentur dapd.

Hintergrund ist eine vor knapp drei Wochen von einem 18-jährigen Salafisten per Internet verbreitete Todesdrohung gegen einen jüdischen Gemeindevorsteher. Der deutsche Konvertit Harry M. hatte den Gemeindevorsteher als "dreckigen Juden" bezeichnet und ihm gedroht: "Pass auf, dass Allah dich nicht schon im Diesseits straft mit dem Tod."

Nach eigener Aussage hat der in Pinneberg geborene M. keinen Schulabschluss, wuchs ohne Vater auf und verließ das Haus seiner Mutter, als er 13 Jahre alt war. Er habe sich irgendwie durchs Leben geschlagen und seit frühester Jugend viele Drogen genommen, sagte M. der Nachrichtenagentur dapd. Vor zwei Jahren sei er zum Islam konvertiert und habe seine Ansichten vom Islam anschließend bei Predigern des Salafismus gelernt.

Wortgetreue Auslegung des Koran
Der Verfassungsschutz stuft die Ideologie als besonders fundamentalistisch ein. Sie ist gekennzeichnet durch eine wortgetreue Lesart des Koran, der als Richtschnur für alle Lebensbereiche gesehen wird. Wegen ihrer Einfachheit empfinden sie gerade verzweifelte junge Menschen sehr verlockend. "Das Gros derjenigen, die sich auf eine Radikalisierung durch den Salafismus einlassen, irrlichtert durchs Leben und hat sich selbst noch nicht gefunden", sagte der Verfassungsschutzchef.

Im Hintergrund der Bewegung agierten Imame, "die jegliche Integration ablehnen und die zutiefst davon überzeugt sind, dass Muslime mit den Kuffar, also mit den "Ungläubigen", nicht einmal kommunizieren sollten. "Sie sind es, die die Gedanken der jungen Leuten vergiften", sagte Eger.

Besonderes Augenmerk richten die Verfassungsschützer auf die Vereine "Einladung zum Paradies" (EZP) und "Die wahre Religion" (DWR). Fachkreise schätzen EZP als fundamentalistisch und integrationsfeindlich, nicht aber als Gewalt legitimierend ein. Tatsächlich haben ihre Prediger Terrorakte im Namen des Islam stets verurteilt. Die Vorbeter der, im Vergleich zu EZP kleineren Gruppe DWR haben in ihren Ansprachen dagegen wiederholt den "Heiligen Krieg" und den Märtyrertod verherrlicht und gelten als radikaler.

De Maizière prüft Vereinsverbot
Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern ließen DWR bisher dennoch von öffentlichen Maßnahmen unbehelligt. Gegen den vergleichsweise weniger radikalen Verein EZP ordnete Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im Dezember vergangenen Jahres dagegen Durchsuchungen an. Sein Ministerium prüft zudem ein Vereinsverbot.

Beobachter wie die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) kritisierten das Agieren der Behörden als inkonsequent. Der schleswig-holsteinische Verfassungsschutzchef Eger wollte die Maßnahmen zwar nicht kommentieren. Zwischen den Zeilen ließ aber auch er Kritik an der bisher ungleichen Behandlung von EZP und DWR erkennen: "Sie sind beide gefährlich, möglicherweise die letztgenannte noch gefährlicher als die vorher genannte. Diese Einschätzung teile ich und man wird sehen, wie man damit umgeht."

Harry M. ließ sich nach eigener Aussage zunächst von Predigern der Gruppe EZP inspirieren. "Aber mit der Zeit landet man dann eben bei DWR", sagte M. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Bedrohung.