10.2.2011
Kirchliche Kliniken zwischen Ethik und wirtschaftlichem Denken
Die Leviten gelesen
und transportiert nicht mehr die seelische und moralische Fürsorge der Christen als Maxime an die Menschen", schrieb er in der vergangenen Woche in der Bonner Zeitschrift "Christ und Welt". Seine Forderung: "Die Rückbesinnung auf Grundtugenden. Im Krankenhauswesen ist das die Caritas und der unabdingbare Wille des Arztes zu helfen."
Der Artikel hat heftige Debatten ausgelöst: Gesellschafter, Geschäftsführer, weitere Chefärzte und Mitarbeitervertreter des St.-Josefs-Hospitals wandten sich am Montag in einem offenen Brief gegen Olivier. Die Vorwürfe spiegelten weder die Realität in christlichen Hospitälern im Allgemeinen noch die Situation "in unserem eigenen Krankenhaus" wider, heißt es. "Herr Dr. Olivier steht mit seiner Meinung, das moderne Krankenhaus sei nichts anderes als eine Fabrik, im Abseits."
Harte Worte, die zur Absetzung des Chefarztes zu führen drohten. Was allerdings nicht geschehen wird. Der Konflikt sei "auf innerbetrieblichem Weg zwischen den Parteien beigelegt" worden, teilte der Sprecher der Geschäftsführung, Helmut Themann, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Donnerstag mit. "Der Arzt ist weiterhin als Chefarzt im St. Josefs-Hospital tätig."
Dennoch bleibt das Thema bundesweit bei den kirchlichen Kliniken - allein jede fünfte der rund 2.100 Krankenhäuser ist in katholischer Trägerschaft - auf der Tagesordnung. Kostendämpfung, Budgetierung und Fallpauschalen, so lauten die Stichworte, mit denen sich alle Kliniken auseinandersetzen müssen. Für die kommenden Jahre wird ein weiteres Krankenhaus-Sterben vorausgesagt. Das heißt für die kirchlichen Häuser, dass sie sich einerseits als wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen beweisen, andererseits aber auch ihrem ethischen Anspruch gerecht werden müssen. Ein schwieriger Balance-Akt. Nicht umsonst lädt die Uni Heidelberg für Mitte März zu einem Symposium über die "Zukunft konfessioneller Krankenhäuser" ein.
Im Fall Olivier haben sich auch der Katholische Krankenhausverband Deutschlands (KKVD) und der Deutsche Evangelische Krankenhausverband (DEKV) zu Wort gemeldet. Um den Spagath zwischen wirtschaftlichem Denken und christlichem Anspruch zu meistern, müssten auch Ärzte um- und neu lernen, schreiben Angela Schneiderhahn und Norbert Groß in einer gemeinsamen Stellungnahme. "Ärzte tragen heute eine wirtschaftliche Mitverantwortung, die ungewohnt und ungeliebt sein mag, aber nicht als Fremdbestimmung abgelehnt werden darf." Zugleich betonen der Verbandsdirektor des DEKV und die stellvertretende Geschäftsführerin des KKVD, dass wirtschaftliches Denken und ethische Orientierung durchaus vereinbar seien.
Was die christliche Orientierung eines Krankenhauses ausmacht, hat der Vorsitzende des KKVD, der Münsteraner Weihbischof Dieter Geerlings, im Oktober zum 100. Geburtstag des Verbandes definiert: "Die kirchlichen Krankenhäuser haben den Anspruch, die Patienten als ganze Menschen wahrzunehmen" - also mit Leib und Seele. Es gehe nicht nur um die Kapelle, den Seelsorger und das Kruzifix in den Zimmern. Für Geerlings zeigt sich das christliche Profil auch an der Unternehmenskultur, dem Umgang mit Mitarbeitern, einer guten Fortbildung und der Frage, ob Zeit für Gespräche eingeplant ist, wenn Patienten sie brauchen.
Auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag sieht der Weihbischof: Gemeinsam mit den evangelischen Partnern sei der KKVD Pionier bei der Gründung von klinischen Ethikkomitees in Deutschland, sagt er stolz. Führend wollen die katholischen Krankenhäuser auch beim Umgang mit sterbenskranken Menschen sein: "Für uns bildet ein würdevolles Sterben die oberste Handlungsmaxime."
( Christoph Arens / kna )