Radio hören

14.3.2007

Vatikan maßregelt Befreiungstheologen Sobrino

"Ermahnung, nicht Strafe"

Der Vatikan hat Thesen des salvadorianischen Befreiungstheologen Jon Sobrino verurteilt. Die Maßregelung für den in Lateinamerika viel gelesenen Theologen bedeute nicht die Zurückweisung einer Option für die Armen, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten "Notifikation" der Glaubenskongregation. Ein ausdrückliches Lehr- und Publikationsverbot ist in dem Vatikan-Dokument nicht enthalten, wie vorab spekuliert worden war. Der Vatikan möchte die Notifikation als "Ermahnung, nicht Strafe" verstanden wissen.

 (©  )

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi betonte, dass die Notifikation auch keine Verurteilung des Befreiungstheologen Sobrino bedeute. Die Glaubenskongregation ermögliche lediglich Bischöfen und Leitern theologischer Ausbildungsinstitute, den Gebrauch der beanstandeten Bücher einzuschränken.

Sobrino ist einer der bekanntesten Befreiungstheologen Lateinamerikas. Das Vorgehen gegen den 68-Jährigen ist die erste offizielle vatikanische Lehrverurteilung unter Papst Benedikt XVI. Das Verfahren gegen Sobrino geht unmittelbar auf Joseph Ratzinger zurück, der die Glaubenskongregation von 1981 bis zur Papstwahl 2005 leitete. In Bilbao geboren, lebt und arbeitet er seit Jahrzehnten in San Salvador, wo er die Jesuitenuniversität UCA mit begründete und bis heute Theologie lehrt. Unter anderem galt er als Berater des 1980 ermordeten Erbischofs Oscar Romero.

Ermahnung, nicht Strafe
Die zuständige Vatikan-Behörde begründet ihr Vorgehen mit dem "Recht jedes Christen, die von der Kirche bekannte und gelehrte Wahrheit über Christus in einer angemessenen, authentischen und vollständigen Weise kennen zu lernen". Bei der Notifikation handelt es sich disziplinarrechtlich nicht um eine Strafe.
Allerdings erwartet die Kirchenleitung, dass sich der Kritisierte künftig im Sinn der vatikanischen Korrekturen äußert. Sollte Sobrino seine strittigen Thesen wiederholen, drohten ihm Sanktionen durch die Kirchen- oder Ordensleitung.

Die Schriften des Jesuiten weisen nach Einschätzung der Glaubenskongregation "schwer wiegende Defizite sowohl in der Methodologie wie im Inhalt" auf. Auch wenn die Behörde vor bestimmten ideologischen Engführungen der Befreiungstheologie warne, dürfe dies "keine Entschuldigung für jene sein, die gegenüber den schwer wiegenden Problemen des menschlichen Elends und der Ungerechtigkeit gleichgültig bleiben", heißt es in einer "Erklärenden Note" des 20-seitigen Dokuments.

Die in Lateinamerika verbreitete "Theologie der Befreiung" führte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu harten innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Die Glaubenskongregation unter Joseph Ratzinger bezeichnete die marxistische Ausprägung dieser Denkrichtung als unvereinbar mit der christlichen Lehre und erteilte mehreren Theologen Lehr- und Publikationsverbot.
Papst Johannes Paul II. ernannte zahlreiche Bischöfe, die dieser politisch links gerichteten Theologie fern stehen.

"Lobenswerte Sorge für die Armen"
Die Glaubenskongregation würdigt "die lobenswerte Sorge, die der Autor in seinen Schriften der Lage der Armen entgegenbringt", sieht aber auch Defizite. Beanstandet werden methodische Voraussetzungen, Aussagen zur Göttlichkeit Christi, zur Inkarnation, dem Verhältnis zwischen Christus und dem Reich Gottes, dem Wissen Jesu Christi von sich selbst und der Heilswirkung seines Todes. Die Kongregation will dabei nicht über die "subjektiven Absichten" des Jesuiten urteilen.

Die Glaubenskongregation hatte 2001 eine theologische Überprüfung der Schriften Sobrinos begonnen, weil diese "Ungenauigkeiten und Irrtümer" enthielten. 2004 übersandte die Vatikan-Behörde durch den Generaloberen der Jesuiten, Peter-Hans Kolvenbach, eine Liste bemängelter Aussagen an den Autor, auf die Sobrino 2005 mit Änderungen antwortete. Diese beträfen aber nicht die Substanz der strittigen Thesen, befand die Kongregation 2005.

( kna )