14.9.2010
Drei Jahre nach Rückkehr der Alten Messe eine kritische Bilanz
„Da muss korrigiert werden“
domradio.de: Erklären Sie uns doch zu Beginn einmal den Unterschied zwischen alter und neuer Liturgie. Kann man das wirklich auf die beiden genannten Charaktermerkmale - also alles auf Latein und mit dem Rücken zum Volk - reduzieren?
Hoping: Ganz so einfach ist das nicht. Wenn man beide Formen der Messe besucht, könnte man diesen Eindruck gewinnen: dass man in der alten Form der Messe eine Gebetsrichtung hat und die lateinische Liturgiesprache; und in der neuen Form der Messe, dass der Priester zum Volk hin steht und zelebriert und das in Mutter-, bzw. Volks- und Landessprache. Nun ist es aber so, dass die Konzilsväter gewünscht haben, dass die lateinische Liturgiesprache erhalten bleibt. Sie haben sich in gewisser Weise eine Art Mischliturgie vorgestellt, zwischen stärkeren volkssprachlichen Elementen und lateinischer Liturgiesprache, die Verkündigung sollte vollständig auf Deutsch sein, auch Gebete, der liturgische Gruß. Aber durchaus hatte man sich vorgestellt, dass das eucharistische Hochgebet etwa auf Latein weiter gebetet wird, so wie es jetzt auch der Papst angekündigt hat, bei seinem Englandbesuch den Kanon, also das eucharistische Hochgebet, im zweiten Teil der Messe lateinisch zu beten. Bei der Gebetsrichtung ist es so, dass sich das Konzil dazu gar nicht geäußert hat, sondern dass sich nach dem Konzil faktisch einfach diese veränderte Form der Gebetsrichtung durchgesetzt hat. Wobei man aufpassen muss, wenn man von der Zelebration zum Volk hin spricht. Denn es geht eigentlich um die Stellung des Priesters zum Volk hin, aber es sollte immer im Bewusstsein sein, unabhängig davon, wie die Gebetsrichtung ist, dass man zu Gott hin betet und die Liturgie mehr ist als eine Kommunikation zwischen Priester und Gemeinde.
domradio.de: Das Schreiben des Papstes hat vor allem in Deutschland für viel Wirbel gesorgt. Insbesondere die umstrittene Karfreitagsfürbitte wurde immer wieder gegen die alte Messe angeführt, aber auch ökumenische Gründe. Sind die Bedenken nicht berechtigt?
Hoping: Nein, ich denke nicht. Bei der Karfreitagsfürbitte muss man eindeutig sagen, dass diese in der alten Form von 1962, die dann ja auf Kritik stieß anlässlich der allgemeinen Zulassung der alten Messe durch Papst Benedikt, dass man das auch instrumentalisiert hat. Denn wir hatten ja vorher schon, unabhängig von der schismatischen Priestergemeinschaft Pius X., mehrere Priestergemeinschaften, die der alten Messe verpflichtet waren und diese auch feiern konnten. Und dort wurde eben der Karfreitag mit dieser Fürbitte auch gefeiert. Darüber hat sich bis dahin keiner aufgeregt. Und die Diskussionen hatten meines Erachtens erkennbar das Ziel, die allgemeine Zulassung der alten Messe zu verhindern. Man muss eindeutig sagen, das haben aber auch die Diskussionen und die klärende Stellungnahme von Kardinal Kasper gezeigt, dass es dann in der durch Benedikt XVI. noch mal veränderten Karfreitagsfürbitte, so wie sie jetzt vorgesehen ist für die alte Form der Messe, es nicht um eine Judenmission durch die Kirche geht. Sondern es geht darum, dass die Kirche, man sieht das auch in der Oration nach der Bitte, darum bittet und darauf hofft, dass am Ende der Zeiten auch die Juden dann in Christus den Messias erkennen. Es ist so, dass die Kirche keine Judenmission betreibt und auch ein besonderes Verhältnis zum Judentum hat, das anders ist, als das zum Islam oder zu anderen Religionen. Es ist nicht ganz gerechtfertigt dieser Karfreitagsfürbitte Antisemitismus oder eine Judenmission zu unterstellen, das halte ich für abwegig.
domradio.de: Die Bilanz in Deutschland nach drei Jahren ist sehr unterschiedlich. Organisationen wie Pro Missa Tridentina sprechen von einer Verdreifachung des Kirchenbesuchs bei der alten Messe. Das Deutsche Liturgische Institut hingegen nimmt kaum Veränderungen zur Situation vor dem Motu proprio wahr. Wer hat denn nun Recht?
Hoping: Beim Deutschen Liturgischen Institut muss man zunächst mal sehen, dass das Institut eine Frucht der liturgischen Bewegung ist, die dann auch zur Liturgiereform geführt hat. Und dass im Deutschen Liturgischen Institut nun keine Liebhaber der Alten Messe sind, ist bekannt. Ich halte die Statistik von Pro Missa Tridentina für zuverlässig. Es gab eine Steigerung von Orten, an denen die Alte Messe gefeiert wird und angeboten wird, von 35 auf gut 200 in den letzten Jahren. Und wenn man genau zuschaut, sieht man Folgendes, und das ist doch etwas irritierend und bedenklich: An 40 Prozent der Orte, wo die Alte Messe gefeiert wird, kann oder darf sie nur alle 14 Tage am Sonntag gefeiert werden. Und es gibt eben einzelne Bistümer, wo dies auch von bischöflicher Seite so angeordnet wird. Das ist ein Verstoß gegen Summorum pontificum. Ich gehe davon aus, dass man sich in Rom die Berichte aller Bischöfe, die ja jetzt nach drei Jahren abgegeben werden müssen, genau anschauen wird. Und da muss meines Erachtens korrigiert werden, denn der Papst hat das sehr deutlich gesagt, dass er möchte, dass diese alte Form der Messe ein regulärer Bestandteil des gottesdienstlichen Lebens der Kirche ist. Und da geht es nicht, dass man das restriktiv handhabt und sagt, das kann nur alle zwei Wochen stattfinden oder wir stellen nur pensionierte Priester für diese alte Form der Messe zur Verfügung. Da muss man sicherlich korrigieren. Und man muss auch noch mal sehen, aber das wäre noch mal eine andere Frage, wie das eigentlich im Vergleich Deutschland, Frankreich, England und USA etwa ist. Da zeigen sich doch erhebliche Unterschiede.
Hören Sie hier das Interview in voller Länge nach.
Das Gespräch führte Pia Deuss.
( dr )