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30.8.2010

Erste «Twallfahrt» im Kloster Einsiedeln

Twittern, bis der Abt kommt

Einsiedeln hat schon unzählige Pilgergruppen aus aller Welt empfangen. Wer jedoch am Sonntag mit Abt Martin Werlen von Pfäffikon Richtung Einsiedeln unterwegs war, war Teil einer bislang einmaligen Wallfahrt.

 (© ddp )

(© ddp)

Etwa 60 Personen, die regelmäßig Twitterbotschaften des Abtes auf ihrem Handy empfangen, wollten ihn auch einmal persönlich erleben - und ließen sich auf eine mehrstündige Fußwallfahrt an den bedeutendsten Pilgerort der Schweiz ein.

Es ist die erste "Twallfahrt" nach Einsiedeln, die Abt Martin über Twitter, den Kurznachrichten-Dienst im Internet, organisiert hat. Für viele Twitterer war das Pilgern eine neue Erfahrung. So auch für Sonja Gorski. Sie ist zwar katholisch, wohnt in Einsiedeln und singt im Stiftschor. Den Abt kannte sie bis dahin jedoch lediglich aus Twitter. Mitgemacht hat die 34-Jährige, weil sie "wissen wollte, wie der Abt in natura ist und wie die Twitterer persönlich sind".

Von der Gangulf-Kapelle aus sind es noch zehn Minuten bis zur Klosterkirche. Hier wartet auf den Abt, wer nur den ersten Teil der Wanderung schaffte - oder überhaupt auf den Fußweg verzichtet hat. Viele haben das Handy stets zur Hand. Vielleicht kommt ja gerade ein Tweet von Abt Martin herein.

"Damit wir merken, dass Zwitschern nicht etwas Neues ist"
Endlich kommt er, begleitet von den Fußpilgern, unter denen auffallend viele junge Leute sind. Kurz übt Abt Martin mit der Gruppe den Kanon "Schweige und höre". Dann mahnt er zur Eile, weil man schon verspätet sei. Ausnahmsweise ist heute das Fotografieren in der Klosterkirche erlaubt - und auch das Twittern.

Die Gruppe nimmt in den vordersten Bänken Platz. Abt Martin lässt die Orgel spielen - "damit wir merken, dass Zwitschern nicht etwas Neues ist". Die zwitschernden Orgelregister sorgen für Schmunzeln bei den Teilnehmern. Die angekündigte Twitter-Predigt dauert nur wenige Minuten: Der Abt, der seit etwa zehn Monaten mit Begeisterung twittert, berichtet, wie es dazu kam. Twitter sei ein Instrument der Kommunikation. Und in der Kommunikation seien Klöster immer führend gewesen. "Ohne Klöster gäbe es kein Internet", so Abt Martins kühne These. Daher liege es nahe, dass Klöster auch heute mitmachten und diese Kultur weitertrügen.

Am Ende zeigte sich Abt Martin sehr zufrieden mit seiner "Twallfahrt". Es seien Leute gekommen, die sonst nie an Wallfahrten teilnehmen würden; viele gehörten überhaupt keiner Religionsgemeinschaft an oder hätten keine enge Beziehung zu Kirche.

Zu jenen Menschen, die den Mut hatten, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, gehört auch Markus Baumgartner. Der 40-jährige Protestant sagt, ohne Twitter wäre es sicher nicht soweit gekommen. Er freut sich, dass er einige Leute habe persönlich kennenlernen können, mit denen er bislang nur online Kontakt hatte. Wichtig sei für ihn auch gewesen, dass er "Abt Martin als Person" kennenlernen konnte. "Das ist kein distanzierter Würdenträger", stellt er fest. Und sogar in völliges Neuland vorgewagt hat sich Walid Ghazzo: Der 29-jährige Muslim hat an diesem Tag zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt eine Kirche betreten.

( Barbara Ludwig / kna )