21.8.2010
Seelsorge am Rasthof Geiselwind gibt es nicht nur in der Kirche
Mekka des Highway-Himmels
Jeden Tag verlassen 10.000 Menschen und zu Ferienzeiten gar noch mehr die Autobahn A3 an der Ausfahrt 76, Kilometer 330: Um zu essen, ihr Auto checken zu lassen oder aufzutanken, nicht nur an der Zapfsäule. Denn seit 2001 befindet sich auf dem Gelände auch die erste privat finanzierte Autobahnkirche.
Etwas versteckt hinter der Event-Halle und dem Hotel steht die Kirche auf dem mittlerweile mehr als 60 Fußballfeldern großen Areal. Nur der Turm ist von der Autobahn zu sehen. Der Weg zum Gotteshaus führt vorbei an Tankstelle, Hotel und Fast-Food-Restaurant. Dabei bleibt einem der Lärm der mehr als 100.000 Fahrzeuge im Ohr, die täglich über die A3 donnern. In der Kirche ist davon nichts zu hören, lediglich der Brunnen im Vorraum plätschert mit der Musik im Kirchenschiff um die Wette. Altar und Ambo sind in Holz gehalten, Kerzen brennen in einer Nische.
"Wir sind ein Auffanglager für alle suchenden Menschen"
Mitten drin steht Manuela Strohofer in einer sportlichen Ferrari-Jacke, um den Hals ein Taize-Kreuz. Sie ist die Tochter des Rasthofgründers Anton Strohofer und so etwas wie die Hausherrin in der Kirche. Eigentlich wollte sie Theologie studieren, doch als ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall starb, stieg die fünffache Mutter in den Familienbetrieb mit ein. Als die Planung für die Kirche konkret wurde, ließ sie sich vom Erzbistum Bamberg zur Wort-Gottes-Dienstleiterin ausbilden, um mindestens einmal im Monat selbst Wort-Gottesdienst feiern zu können. Die anderen Sonntage übernehmen die örtlichen Pfarrer.
"Licht auf unserem Weg" - mit diesem Motto ist der Rastplatz für die Seele überschrieben. "Wir sind ein Auffanglager für alle suchenden Menschen, auch für die von der Kirche enttäuschten", sagt Manuela Strohofer. Wie viele hierher kommen, weiß sie nicht, nur die Zahl der angezündeten Kerzen: über 10.000 im Jahr. Strohofer ist nicht ständig in der Kirche, auch der kleine Laden im Vorraum mit Schutzengeln für 3,99 Euro oder Büchern von Anselm Grün hat keine Aufsicht. Vertrauen lautet das Stichwort.
"Hey Chef"
Ob die Suche nach Ruhe, die Bitte um oder der Dank für eine gute Fahrt - die Einträge im Anliegen-Buch sind vielfältig. Aber sie verraten, dass nicht nur Reisende hier seelisch auftanken, sondern vor allem auch Fernfahrer: "Hey Chef", heißt es da etwa in der Anrede flapsig für Gott. Geiselwind, das war schon vor dem Bau der Kirche der "Himmel der Trucker". Anton Strohofer ist dabei so etwas wie der Petrus.
1981 eröffnete er seinen Betrieb, der schnell wuchs, gerade auch weil er den Fernfahrern einen Ort geschaffen hat, der mehr als nur eine Tankstelle ist. "Das Mekka des Highway-Himmels", titelte jüngst ein US-Fernsehsender. Strohofer veranstaltet Trucker-Festivals, ist Nikolaus bei der jährlichen Country-Weihnacht. Und Toni, wie ihn die Fahrer nennen, hat für jeden ein offenes Ohr, wenn er in seiner Gaststätte sitzt - in einem Raum mit kleinen Fenstern, denn die große Frontscheibe haben die Trucker den ganzen Tag.
"Es sind oft sehr einsame Menschen, die ihre Kontakte nicht pflegen können", erzählt Strohofer. Sie hätten Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu halten, wenn sie nach Tausenden von Kilometern oftmals nur einen Tag in der Woche zu Hause sind. "Menschen, die mit sich, Gott und der Welt nicht zufrieden sind, liegen mir am Herzen." Ihnen will er helfen, mit Ratschlägen, auch dem ein oder anderen Telefonat oder in seinem kleinen Rastimperium.
An Heilig Abend ist Toni ebenfalls in seinem Gasthaus. Dann kommen auch Alleinstehende aus der Region. Vor Jahren entdeckte er dabei einen Hünen von Mann mit einer Frau und einem Baby. Als sich herausstellte, dass ihr einziges zu Hause der Truck ist, lud er die Familie spontan ein, im Hotel zu übernachten: "Es ist dann wirklich Bethlehem bei uns."
( Christian Wölfel / kna )