22.6.2010
Der Theologe Dietmar Mieth über die Möglichkeit von Ethik im Fußball
Von der Schwierigkeit, ehrlich zu sein
domradio.de: Die WM ist in vollem Gange und macht nicht nur positive Schlagzeilen, wie zum Beispiel mit dem Streit der Franzosen, der ja am Montag (21.06.2010) sogar Thema des Kommentars in den ARD-Tagesthemen war? Dabei war die Rede davon, dass kein Sport so sehr als Projektionsfläche diene wie der Fußball - im Guten wie im Schlechten.
Mieth: Das Wort Projektionsfläche ist sehr gut. Es trifft deswegen zu, weil Fußball ein so populärer, medialer und kommerzieller Sport ist.
domradio.de: Was können die Menschen in den Fußball projizieren?
Mieth: Sie leben in dem Augenblick, in dem ein bedeutendes Fußballereignis ist, zwei Leben: Das eine Leben, das sie normalerweise führen, das andere Leben, das sie auf ‚die Höhe' ihres Sportclubs bzw. ihrer Nationalmannschaft bringt - und dann wie Opium für das andere Leben wirken kann. Also Fußball ist so eine Art Opium fürs Volk.
domradio.de: Ist Fußball die neue Volksreligion?
Mieth: Ich würde sagen, Fußball hat Anteil an den neuen ‚Volksreligionen', die sehr viel materieller sind, als das, was früher als Religion gegolten hat.
domradio.de: In Südafrika stehen die Schiedsrichter wieder einmal im Mittelpunkt, werden von Spielern, Trainern und Medien kritisiert für vermeintliche Fehlentscheidungen - ist das in Ordnung? Immerhin sind sie ja Teil des Spiels.
Mieth: Es gibt zwei Probleme, die man bedenken muss. Das erste Problem ist, das Schiedsrichter eine bestimmte Psyche gebrauchen. Sie müssen mit Autorität auftreten. In dem Sinne müssen sie ein sehr hohes - vielleicht manchmal übersteigertes Selbstbewusstsein - entwickeln. Und das ist nicht ganz ungefährlich für die Art und Weise, wie sie entscheiden. Also da ist es schon die Frage: Wie gehen Schiedsrichter mit sich selber um? Das ist das individuelle Problem. Aber vielleicht auch ein Problem ihrer Ausbildung oder ihrer Behandlung, da kann ich nur schwer hineinschauen.
Das zweite Problem ist eine strukturelles Problem: Inwieweit kann man das Fußballspiel so gestalten, dass die Schiedsrichter eine leichtere Aufgabe mit dem Fußballspiel haben. Das kann einerseits von den Spielern her geschehen, indem sie die Schiedsrichter nicht als Waffen benutzen. Das geschieht viel zu häufig, bei der WM kann man das gut sehen, indem sie ein Foul, das an ihnen begangen wurde, vortäuschen, eine Tätigkeit als Tätlichkeit erscheinen lassen - das ist einfach ungehörig und sollte sehr viel schärfer bestraft werden, als es bisher bestraft worden ist. Aber strukturell kann man natürlich dazu sagen: Warum ist es nötig, einen vierten Schiedsrichter zu haben, der die Trainer bewacht? Es wäre viel sinnvoller, ein, zwei Schiedsrichter mehr zu haben, um gleichsam als Torrichter zu dienen und die Seiten-Schiedsrichter zu entlasten.
domradio.de: Sind Lügen und Schwalben unvermeidbarer Teil des Millionenspiels Fußball? Besonders ethisch ist das nicht mehr häufig, was da auf dem Fußballfeld geschieht?
Mieth: Es ist außerordentlich schwierig, ehrlich zu sein, wenn es um den Erfolg geht. Das kennen wir doch auch aus der Wirtschaft, das kennen wir aus dem Handel. Das ist natürlich das gleiche: in so einer signifikanten Arena wie dem Fußballspiel, wo es um sehr, sehr viel geht, sehr viel Prestige, sehr viel Geld, sehr viel Projektion. Alles das führt dazu, dass ein unheimlicher Druck auf den Spielern ist. Und diesen Druck auszuhalten, um nachher möglicherweise in irgendeinem Land die Gefahr droht, dass man dafür erschossen war, dass man ehrlich war - das ist schon sehr, sehr schwierig.
domradio.de: Aber da gibt es ja auch Spieler Henry, der mit einem Handspiel Frankreich die WM-Teilnahme erst möglich machte oder Fabiano, der vor einem Tor für Brasilien Handspiel begangen hat und gegenüber dem Schiedsrichter leugnete...
Mieth: In diesen Fällen hätte die Ich-Stärke der Spieler groß genug sein können, ehrlich zu sein - zumal sie sehr bekannt sind und sehr viel Protektion genießen.
domradio.de: Sie haben ja auch einmal gesagt: Auch unter Stresssituationen wie der des Fußballs sei es angebracht, die Maximen seines Lebens aufrechtzuerhalten …
Mieth: Man müsste die Ich-Stärke von Fußballern in dieser Sache wirklich unterstützen. Die Ich-Stärke von Fußball-Spielern ist aber auch ein Problem: Sie müssen ja im Grunde genommen nur vorgefertigte Worthülsen abgeben, wenn sie jemand interviewt; es werden bestimmte Erwartungen an sie gestellt, wie sie aufzutreten haben. Das ist eigentlich feindlich gegenüber einer gewissen individuellen Stärke, die sie aufbringen müssen auch unter strukturell schwierigen Bedingungen.
domradio.de: Erzbischof Tutu hat gerade gesagt, die WM habe seine Heimat Südafrika "vereint" - hat Fußball wirklich diese Kraft?
Mieth: Es gibt durchaus moralische Gründe, Fußball als verbindend zu schätzen. Das ist einmal die Inklusion von Migrationshintergrund - auch in unseren Ländern. Das ist sehr, sehr positiv, wenn die Projektionsfläche auf dem ruht, der eine andere Hautfarbe hat, das ist doch etwas sehr Schönes. Und ich glaube auch in der Tat, das haben wir auch bei der WM 2006 gesehen, dass hier gewisse integrierende Kräfte wirken, die bestimmte Spannungen überwölben können. Freilich muss man auf der anderen Seite das sehen, was wir vorhin mit Projektionsfläche und Opium benannt haben: Es sollte dann auch Wirkungen erzeugen und sich langfristig einsickern und nicht nur auf bestimmte Events beschränkt sein. Wo überhaupt das Problem ist: Dass der Fußball - ähnlich wie der Sport auch sonst - einen Eventcharakter bekommen hat, der von den Medien beherrscht hat. Und diesen Eventcharakter muss man immer wieder kontrollieren auf die eigentliche Substanz des Spiels.
domradio.de: Zu Beginn der WM gab es die Meldung, dass die FIFA Brasilien und Co das Beten verbiete, frei nach dem Motto: Religion habe im Sport so wenig verloren wie Politik. Wie bewerten Sie das?
Mieth: Das ist doch Quatsch. Die Politik bedient sich des Sports. Und der Sport braucht die Politik. Jetzt zu sagen, die Politik ist nicht anwesend auf dem Sportplatz, ist doch Unsinn. Und auf der anderen Seite zu sagen, deswegen müssen wir die Religion behandeln wie die Politik, die wir ausgetrieben haben, ist natürlich auch wieder Unsinn. Weil die Politik nicht ausgetrieben ist. Und weil die Religionsbekenntnisse doch harmlos sind.
domradio.de: Morgen spielt Deutschland, der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider meint, dass es in Ordnung sei, vor dem Spiel für die Nationalmannschaft zu beten. Wie sehen sie das?
Mieth: Ich würde nicht für die Nationalmannschaft beten, weil ich das für ein säkulares Ereignis halte. Ich würde der Nationalmannschaft alles Gute wünschen, aber ich denke, man sollte nicht Gott in das Fußballspiel hineinziehen.
domradio.de: Ihr Tipp vor dem Ghana-Spiel der Nationalmannschaft?
Mieth: 2:1 für Deutschland.
Der Tübinger Theologe und Sozialethiker Dietmar Mieth ist Mitherausgeber des Lexikons der "Ethik im Sport."
Das Gespräch führte Michael Borgers.
( dr )