30.4.2010
Das Dormagener Raphaelshaus arbeitet seine Vergangenheit auf
"Da kommen hässliche Facetten zu Tage"
domradio.de: Wie viele Opfer es sind, können sie derzeit noch nicht sagen. Aber warum haben sich auch bei ihnen die Opfer so lange nicht gemeldet und warum tun sie das jetzt?
Scholten: Sie haben jahrzehntelang verschwiegen, weil sie es sehr verdrängt haben, weil man ihnen nicht zugehört hat und weil man ihnen jetzt zum ersten Mal zuhört und auch glaubt. Da kommen sehr hässliche Facetten meiner Einrichtung aus der Vorzeit zu Tage. Das bedrückt mich auch sehr.
domradio.de: Sie leiten das Raphaelshaus in Dormagen. Wie geht es ihnen damit, seit sie erfahren haben, dass einer ihrer Mitarbeiter Kinder und Jugendliche missbraucht hat?
Scholten: Im Moment steht nicht fest, dass es ein qualifizierter Mitarbeiter war. Es gibt Hinweise darauf, dass es ein Praktikant war. Aber nach der langen Zeit sind die Recherchen da sehr schwierig. Wie es mir geht? In meinem Büro ist in den letzten vier Wochen mehr geweint worden, als in 25 Jahren vorher. Immer in der Situation, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die sich melden und mir ihre oftmals wirklich sehr herzergeifende Biografie erzählen. Es tangiert natürlich auch meine berufliche Identität, weil ich mich mit dieser Einrichtung seit vielen Jahren verwurzelt fühle. Sie ist meine Berufung und meine Lebensaufgabe. Das heißt: Ihre Geschichte ist auch untrennbar mit meiner Biografie verbunden, auch wenn ich selbst zu diesen Zeiten nicht verantwortlich war.
Das Gespräch führte Aurelia Plieschke. Hören Sie es hier in voller Länge nach.
( dr )