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11.3.2010

Glockenläuten zum Jahrestag des Amoklaufs

Stilles Gedenken in Winnenden

Ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden ist in der schwäbischen Kleinstadt der Opfer gedacht worden. "Es gibt keine endgültigen Antworten, keine letzte Sicherheit vor solchen Gewalttaten", sagte Bundespräsident Horst Köhler am Donnerstag in einer Gedenkstunde vor der Albertville-Realschule.

 (© ddp )

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Ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden hat Bundespräsident Horst Köhler weitere Konsequenzen aus der Gewalttat gefordert. So seien weitere Schritte im Waffenrecht und klare Regeln für die Berichterstattung über Amokläufe nötig, sagte Köhler am Donnerstag in einer Gedenkstunde in der schwäbischen Kleinstadt. Zugleich rief er zu mehr Zuwendung und Achtsamkeit im Umgang miteinander auf. Schüler, Eltern, Lehrer und Hinterbliebene gedachten vor der Albertville-Realschule der 15 Menschen, die bei dem Amoklauf am 11. März 2009 erschossen worden waren.

«Es gibt keine endgültigen Antworten, keine letzte Sicherheit vor solchen Gewalttaten», sagte Köhler vor rund 900 Menschen, die sich zum Gedenken an die Opfer vor der Schule unter freiem Himmel versammelt hatten. Es müsse aber alles Menschenmögliche getan werden, um die Gefahr von Amokläufen so gering wie möglich zu halten. Köhler verlas die Namen der 15 erschossenen Menschen. Er fügte hinzu: «Auch die Familie des Täters hat ein Kind verloren. Auch für sie ist eine Welt zusammengebrochen.»

Der Amoklauf eines Jugendlichen in der Kleinstadt bei Stuttgart hatte vor einem Jahr bundesweit Entsetzen ausgelöst. Der 17-jährige Tim K. hatte die Schule am Morgen des 11. März 2009 gestürmt und dort mit der Waffe seines Vaters neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf der Flucht tötete er drei weitere Menschen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Der Bundestag hatte wenige Monate später als Konsequenz aus der Tat das Waffenrecht verschärft. Seither gelten unter anderem strengere Vorschriften für die Aufbewahrung von Waffen.

«Dieser Tag steht dafür, dass alles anders ist, als es vorher war», sagte Köhler. Das Wichtigste nach der Tat sei: «Wir können alle lernen, gut miteinander umzugehen. Wir können darauf achten, dass niemand abseits bleibt. Wir können mehr Anteil nehmen aneinander, statt achtlos vorüberzugehen.»

In einer bewegenden Zeremonie legten Schülerinnen und Schüler vor der Albertville-Realschule Steinplatten mit den Namen der Opfer zu einem Kreis zusammen. Auf jede Steintafel legten sie eine rote Rose. Zur Tatzeit um 9.33 Uhr läuteten die Kirchenglocken der Stadt. Zuvor hatten Schulgemeinschaft und Hinterbliebene bereits in einer internen Feier unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Opfer gedacht. Seit dem Amoklauf sind die 600 Schüler in einer provisorischen Containerschule wenige Meter von der Realschule entfernt untergebracht.

Lehrer und Schüler seien an dem Amoklauf nicht zerbrochen, sagte der Winnender Oberbürgermeister Bernhard Fritz. Nach der Tat habe es viel Solidarität gegeben: «Niemand wurde allein gelassen.» Auch der neue baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) nahm an der Gedenkfeier teil, verzichtete aber auf eine Ansprache.

Köhler forderte in seiner Ansprache, es müsse noch mehr geschehen, damit gefährdete Menschen nicht an Schusswaffen gelangten und Schulen und ähnliche Orte besser vor Anschlägen geschützt seien. Außerdem sprach er sich für «klar definierte Berichterstattungsregeln» für Amokläufe aus, die gemeinsam mit den Medien erarbeitet werden müssten. Detaillierte Berichterstattung über die Täter, ihre Motive und ihre Vorgehensweise rufe Nachahmer auf den Plan, warnte er.

Zu den Konsequenzen aus der Tat gehören neben der Verschärfung des Waffenrechts intensive Beratungen über Gewaltprävention. Experten haben Empfehlungen vorgelegt, mit denen die Sicherheit an Schulen erhöht werden soll. Unter anderem sollen mehr Schulpsychologen und speziell ausgebildete Lehrer dazu beitragen, die Gefahr von Amokläufen zu verringern.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigesellschaft, Rainer Wendt, sagte unterdessen, Deutschlands Schulen seien nach wie vor keine sicheren Orte. «Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem», sagte er der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Freitagsausgabe). In jede Schule gehörten mindestens ein Sozialarbeiter und ein Psychologe.

Enttäuscht von der Politik zeigte sich Gisela Mayer von der «Stiftung gegen Gewalt an Schulen». Die Mutter einer in Winnenden getöteten Referendarin sagte der «Stuttgarter Zeitung» (Donnerstagsausgabe), die verschärften Waffenkontrollen reichten bei weitem nicht aus. Großkalibrige Waffen hätten im Schießsport nichts zu suchen. Mayer kritisierte ferner, dass das Thema Killerspiele weitgehend ausgeklammert werde.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) vertrat den Standpunkt, schärfere Kontrollen von Waffenbesitzern allein könnten Amokläufe nicht verhindern. Es gebe auch keinen Anlass, alle Sportschützen und Jäger unter Generalverdacht zu stellen, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Der rechtspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Jerzy Montag, forderte hingegen im Saarländischen Rundfunk ein schärferes Waffengesetz und ein nationales Waffenregister.

( epd )