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9.3.2010

Bonner Aloisiuskolleg will lückenlose Aufklärung der Missbrauchsfälle

30 Opfer und sechs Jesuitenpatres als Täter

Das Bonner Jesuitengymnasium Aloisiuskolleg will alle Fälle sexuellen Missbrauchs möglichst lückenlos aufarbeiten. In einem am Dienstag veröffentlichten Zwischenbericht listet ein aus Mitgliedern des Jesuitenordens, der Schul- und Internatsleitung sowie aus Vertretern der Eltern- und Lehrerschaft gebildeter Stab sämtliche Täter und Opferfallschilderungen auf, die der Schule bekannt sind.

Momentan gehe man für die Zeit von 1946 bis 2005 von sechs Jesuitenpatres als Tätern und 30 Opfern aus, heißt es in dem Bericht.
Vor allem zwei Patres stünden im Mittelpunkt der Beschuldigungen.

Einer arbeitete von 1946 bis zu seiner Versetzung 1962 am Kolleg und ist inzwischen verstorben. Der andere war bis 2008 über vier Jahrzehnte in Bonn tätig, die meisten Jahre sogar in führender Position als Internats- oder Schulleiter. Der 82-Jährige lebt heute im Pflegeheim. Nach Opferaussage eines heutigen Internatsschülers wegen eines Falls aus dem Jahr 2005 hat die Staatsanwaltschaft Bonn gegen den Pater Ermittlungen aufgenommen.

Informationen kontinuierlich an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet
In Kooperation mit der Zentrale der Deutschen Jesuiten in München sei man bei der Zusammenstellung der Daten nicht aktiv ermittelnd vorgegangen, schreibt federführend der kommissarische Rektor des Aloisiuskollegs, Pater Ulrich Rabe. Man habe den Betroffenen zugehört und die Informationen kontinuierlich an die Staatsanwaltschaft Bonn sowie die Berliner Missbrauchsbeauftragte des Ordens weitergeleitet.

Ziel sei es natürlich, wieder relativ schnell den Kollegsalltag in geregelte Bahnen führen zu können. "Und auch die Folgen für die Reputation des Kollegs sind nach heutigem Stand der Dinge noch nicht absehbar."

Opfer im Mittelpunkt
Die zentrale Aufgabe der nächsten Zeit sei es aber, die besondere Aufmerksamkeit immer den Betroffenen und Opfern zu geben und konkrete Maßnahmen daran auszurichten, heißt es in der Bericht weiter. Man werde die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und den polizeilichen Ermittlungsbehörden fortsetzen. Außerdem werde man die Betroffenen an die vom Jesuitenorden noch zu bestimmenden Therapieangebote vermitteln.

Der Orden möge zeitnah unabhängige Ombudsleute benennen, die Opfern sexuellen Missbrauchs beratend zur Seite stehen könnten, fordert das Papier. Die Kollegsleitung werde zudem zeitnah einen Leitfaden für den Umgang mit und zur Prävention von sexueller Gewalt im Kolleg erstellen. Er solle im Laufe des Monats fertig werden und allen Mitarbeitenden als Handbuch dienen.

Weitere Betroffene zu Gesprächen ermutigen
"Gemäß diesem Leitfaden wird eine klare Präventionsstrategie zur Vermeidung sexueller Gewalt entwickelt und spätestens bis zum Ende des Schuljahrs 2009/2010 umgesetzt", kündigt die Schule an. Darüber hinaus empfehlen die Autoren dem Orden, mit einem Anschreiben an die Ehemaligen aus den fünfziger und sechziger Jahren etwaige weitere Betroffene zu Gesprächen zu ermutigen.

Darüber hinaus spricht das Papier die Empfehlung aus, "eine externe Stelle einzurichten, die prüfen soll, inwieweit frühere Entscheidungsträger ihrer Verantwortung im Umgang mit Vorwürfen und eventuellen Kenntnissen sexueller Übergriffe am Aloisiuskolleg gerecht geworden sind". Damit geht die kommissarische Leitung erstmals auf Distanz zum Anfang Februar zurückgetretenen Ex-Rektor Pater Theo Schneider. Dieser wird dringend aufgefordert, öffentlich Stellung zu beziehen. Gegen Schneider, der als Ziehsohn des heute 82-jährigen Hauptbeschuldigten gilt, waren Vorwürfe der Mitwisserschaft laut geworden.

( epd )