Radio hören

5.3.2010

Im Kloster Ettal hat die Zeit der Läuterung begonnen

Schmerzhafte Bekenntnisse

Die Temperatur in der Rosner-Aula des Benediktinerklosters Ettal war am Freitag frostig, nicht nur wegen des Schneetreibens außerhalb der dicken Mauern. Das Wetter passte zu dem, was der Münchner Rechtsanwalt Thomas Pfister den zahlreichen Journalisten mitzuteilen hatte. Der seit 24. Februar als Sonderermittler eingesetzte Jurist trug seinen vorläufigen Bericht über Übergriffe an Schülern vor, die sich seit den 1960er Jahren in der Schule und vor allem im Internat ereignet hatten.

Der Bericht zeigte eine eigenartige Mischung von einzelnen sexuellen Missbrauchsfällen und offenbar sehr viel weiter verbreiteten gewalttätigen Übergriffen, die offenbar den Rahmen der bis 1980 in Bayern noch erlaubten Prügelstrafe sprengten. Rund um die Uhr hätten ihn in den letzten Tagen Rückmeldungen erreicht, sagte Pfister. Kein einziger Trittbrettfahrer sei darunter gewesen. Mehr als 40 Minuten lang verlas der Anwalt erschütternde Erinnerungen ehemaliger Internatsschüler, für die Ettal zur «Hölle» geworden war. Im Saal herrschte eisige Stille.

Gerade in den 60er Jahren scheinen Prügelstrafen an der Tagesordnung gewesen zu sein. Regelmäßig hagelte es Watschen oder Schläge mit dem Stock. Eine andere Methode sei gewesen, zwei Nachtkästchen zusammenzurücken, auf denen zwei Schüler sich gegenüberstehend zu ohrfeigen hatten. Wer zuerst runter fiel, hatte verloren.

Beim sexuellen Missbrauch hingegen dominierte die Heimlichkeit. Der Sonderermittler zitierte aus den Bekenntnissen des im Herbst 2009 verstorbenen Paters, der auf seinem Computer ein Geständnis hinterließ. Darin hielt er fest, dass seine Zimmertür Tag und Nacht offen gewesen sei. Noch vor dem Wecken seien Jungs zu ihm gekommen, um sich und ihm sexuelle Befriedigung zu verschaffen.

Eine «Kultur des Schweigens» habe die Verfehlungen einzelner erst ermöglicht, so Pfister. Zugleich betonte er, dass seit 1990 in der Schulpädagogik eine Wende eingeleitet worden sei. Zudem lobte der Anwalt die Bereitschaft der Mönche zur Aufklärung. Pater Johannes Bauer, Cellerar des Klosters, sprach von «schockierenden Fakten» und bat Schüler und Eltern um Verzeihung. «Das große Vertrauen, das sie in uns gesetzt haben, wurde durch einige unserer Mitbrüder auf schwere Weise missbraucht.» Laut Pfister dürften es sich über die Jahre um mehr als 10 schlagende Patres gehandelt haben, die Zahl der Opfer liege derzeit bei 100. Zur Überraschung der Anwesenden legte Pater Johannes dann noch selbst ein Geständnis ab: Er habe 1985 bis 1987 als Erzieher im Internat «Kinder brutal körperlich misshandelt und gedemütigt».

Der Läuterungsprozess, der dieser Tage bei den Ettaler Mönchen unter dem Druck der Berichterstattung und des Erzbistums München-Freising eingesetzt hat, bringt auch noch andere Verfehlungen ans Tageslicht. Ein weiterer Mitbruder erstattete Selbstanzeige. Er hatte kinderpornografische Darstellungen auf seinem Computer gespeichert.
Sie wurden am Dienstag von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.

Noch nicht ganz klar ist, wie sehr die Übergriffe in die Gegenwart des Schul- und Internatslebens reichen. Das zeigte sich ebenfalls bei der Pressekonferenz, als es unvermittelt zu einem Konflikt zwischen Sonderermittler und stellvertretendem Schulleiter Wolf Rall kam. Der nahm einen erst jüngst aus dem Schuldienst abgezogenen Pater mit der Bemerkung in Schutz, dieser habe «aus Spaß» leichte Kopfnüsse verteilt. Dem widersprach Pfister energisch.

Zu tun hat jetzt nicht nur die Staatsanwaltschaft. Die von den Ettaler Mönchen bei Papst Benedikt XVI. beantragte Apostolische Visitation wird kommen, dafür gibt es Signale aus Rom. Über die Ergebnisse hat die Kurie zu befinden. Konsequenz könnte sein, die Schulträgerschaft von den Benediktinern auf das Erzbistum München-Freising zu übertragen.

( Barbara Just / kna )