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5.2.2010

Annette Schavan zum deutschen Theologie-Lehrstuhl in Jerusalem

Zwischen Wissenschaft und gelebter Religion

Die Bundesregierung fördert mit einem umfassenden Stiftungsprogramm den Austausch von jungen Geisteswissenschaftlern zwischen Deutschland und Israel. Bundesforschungsministerin Annette Schavan sprach am Freitag im domradio-Interview von einem "Zeichen an die nächste Generation junger Wissenschaftler".

Zehn Monate hat Margareta Gruber 1983/84 in Jerusalem studiert, am Theologischen Studienjahr der Benediktinerabtei Dormitio. In dieser Zeit habe sie "entscheidende Impulse" für ihr Leben bekommen, sagt sie. Gruber schloss ihr Studium der Theologie in Tübingen ab, schloss sich den Franziskanerinnen von Sießen an, setzte nach einigen Jahren ihre wissenschaftlich theologische Arbeit fort und wurde schon früh mit Auszeichnungen bedacht. Seit August 2009 lebt die nun 48-Jährige als Theologieprofessorin für Neues Testament wieder in Jerusalem. Am Donnerstag gratulierte ihr Bundesbildungsministerin Annette Schavan
(CDU) zur Übernahme des ersten deutschen Theologie-Lehrstuhls im Nahen Osten - am Studienjahr der Dormitio.

Die Ministerin, deren Haus durch massive finanzielle Unterstützung die Errichtung des Lehrstuhls möglich machte, erinnerte an die Empfehlungen des Wissenschaftsrates vom Montag dieser Woche, in Deutschland den Islam aufzuwerten und einen "Beitrag zur Theologisierung des Islam" zu leisten. Das zeige, wie sehr Religion Theologie brauche. Theologie verändere jeden, der sich ernsthaft mit ihr auseinandersetze, und sie schütze die Religion vor Vereinnahmung. Mit seiner Ausrichtung in der von Judentum, Christentum und Islam geprägten Stadt trage das Theologische Studienjahr wesentlich zu dieser Kompetenz bei.

Sicheres Fundament in finanziell schwierigen Zeiten
In dem 1973 gegründeten Projekt lernt und lebt derzeit der 36. Jahreskurs von Studierenden unter einem Dach. Von Beginn an trägt der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) mit Stipendien für die jungen Leute zu dem Konzept bei. Auch die Deutsche Bischofskonferenz engagiert sich für das Studienjahr. Dieses erlebte Höhen und Tiefen: Während der Raketenangriffe aus dem Irak im Zuge des Golfkriegs 1991 verlegten die Verantwortlichen den Studienbetrieb überstürzt von Jerusalem nach Deutschland. Danach stagnierte die Zahl der Interessenten einige Jahre, was auch an der sinkenden Zahl der Theologiestudierenden in Deutschland liegt.

Doch Annette Julius von der Führung des DAAD verweist bei der Feier am Donnerstag in Jerusalem darauf, dass gerade in den jüngeren Jahren die Zahl der Bewerbungen die der Studienplätze bei weitem übersteige. Der neue Lehrstuhl biete ein "sicheres Fundament in finanziell schwierigen Zeiten".

Die Studierenden des laufenden Betriebs loben die wissenschaftliche Intensität des Programms, aber nicht nur das. "Für mich ist die Verbindung mit der Benediktinerabtei sehr bereichernd. Das hat mir das regelmäßige Stundengebet der Mönche noch einmal neu nähergebracht", sagt Agnes Slunitschek, die nach vier Semestern katholischer Theologie aus Tübingen nach Jerusalem kam. Und die vielen Begegnungen mit Menschen im Land, mit Palästinensern und Israelis, zeigten, welche Probleme vor Ort bestünden - "und wie gut es einem geht". Auch Anna-Marie Schmidt, Protestantin aus Heidelberg, verweist auf den Zusammenhang von Religion und Politik, den man in Jerusalem ganz neu erfahre.

"Freundschaft als Lebensform"
Margareta Gruber, die ihre Antrittsvorlesung über "Freundschaft als Lebensform. Von Festmählern, Verschwendung und Fremdenliebe im Neuen Testament" hielt, berichtete auch über die Erfahrung der Studierenden, die bei einem jüdischen Fest mit der Thora-Rolle tanzen durften, die sich bei der Kerzenprozession der orthodoxen Armenier einreihten, die als Chor während der "Gebetswoche für die Einheit der Christen" im Abendmahlssaal sangen. Der Aufenthalt sensibilisiere sie für die religiösen Gefühle und Bedürfnisse unterschiedlicher Kulturen.

Hanne Lamparter aus Tübingen spricht von einer völlig neuen Sichtweise auf die Bedeutung religiöser Identität. "Wer nichts von Religion versteht, versteht die Welt auch sonst nicht", sagte Schavan bei der Feier. Die Bedeutung von Religion für die Politik werde immer wichtiger. Dessen sei sich auch die Bundesregierung bewusst.

( Christoph Strack / kna )