22.1.2010
Stellungnahme bei Radio Vatikan - Deutsche Abteilung
Kardinal Walter Kasper
Es gibt nach meiner Kenntnis derzeit keinen anderen Kirchenführer, der sich so oft und so nachdrücklich für die Einheit der Christen einsetzt, wie dies Papst Benedikt XVI. seit seiner Wahl vor fast fünf Jahren tut. Für ihn ist Ökumene keine beliebige Option; sie ist ihm Pflicht und Herzensanliegen.
Allein in dieser Woche hat der Papst zwei Mal für Ökumene geradezu geworben: Zuerst am letzten Sonntag beim Angelus, dann sehr ausführlich in der Katechese bei der Generalaudienz am Mittwoch; bereits am nächsten Montag wird er in St. Paul vor den Mauern einem großen ökumenischen Gottesdienst mit einigen hundert Teilnehmern vorstehen und dabei die Predigt halten. Außerdem hat er in dieser Woche neben sehr vielen anderen Verpflichtungen eine ökumenische Delegation aus Finnland empfangen und die Synagoge in Rom besucht. Er wird in den nächsten Wochen die lutherische Gemeinde in Rom besuchen. Auf allen seinen Auslandsreisen sucht er ökumenische Kontakte. Man müsste eine Stunde reden, wenn man alles aufzählen wollte.
Umso unverständlicher ist es, wenn die Ratsvorsitzende der EKD öffentlich sagt, sie erwarte von diesem Papst ökumenisch nichts. Ich war bisher der Meinung, dass solche pauschalen gegenseitigen Aburteilungen endgültig der Vergangenheit angehören. Ich habe mich getäuscht und bin enttäuscht.
Man kann mit Papstkritik in Deutschland derzeit leicht Stimmung machen und Zustimmung erhalten. Sie ist in dieser Form jedoch unfair und ungerecht, und sie ist zutiefst unökumenisch. Sie zeugt von ökumenischer Uninformiertheit und zeigt, dass die internationale ökumenische Diskussion in Deutschland derzeit kaum wahrgenommen wird. Schade für die Ökumene in Deutschland.