9.8.2009
Gut 15.000 Tamilen aus Deutschland und Nachbarstaaten pilgern in Kevelaer zur "Trösterin der Betrübten"
"Ein farbenfrohes Fest des Glaubens"
Tamilen aller Altersgruppen, meist in farbenprächtigen Gewändern ihrer Heimat gekleidet, warteten in langen Schlangen zwischen der Marienbasilika und der Pax-Christi-Kapelle darauf, für ein paar Augenblicke vor dem Bild verharren zu können.
Die Wallfahrt sei aber nicht nur ein Fest des Glaubens, sondern auch ein Fest der Trauer, sagt ein Tamile, der mit seiner Familie aus den benachbarten Niederlanden angereist ist. Neben der übervollen Pax-Christi-Kapelle, in der über Stunden gesungen und musiziert wurde, steht ein einfaches Zelt des tamilischen katholischen Seelsorgeamtes. «Wir gedenken all unserer Verstorbenen in Vanni», heißt es auf einem Transparent, das an die blutigen Auseinandersetzungen in der Sicherheitszone für Tamilische Zivilisten auf Sri Lanka erinnert.
Im Zelt steht ein kleines Grabmahl, um das Erde gehäuft ist.
Daneben eine Tafel, für all diejenigen, die zwischen August 2008 und dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs im Mai 2009 auf der Insel starben. «Das ist das mindeste, was wir tun können. Immerhin sind sie auch für unsere Freiheit gestorben», meint eine ältere Frau in gebrochenem Deutsch, die einige Blütenblätter rund um das kleine Grabmahl verteilt.
Eine 18-jährige junge Frau hat in einem der Geschäfte neben der Marienbasilika eine riesige Kerze gekauft, die sie um mindestens 40 Zentimeter überragt und die sie in der Kerzenkapelle aus dem Jahr
1645 aufstellen will. «Die ist für meine Großeltern auf Sri Lanka. Wir haben seit einigen Wochen nichts von ihnen gehört und hoffen, dass sie in einem der Flüchtlings- oder Internierungslager untergekommen sind», sagt sie.
Seit Anfang der 80er Jahre kämpften auf Sri Lanka tamilische Separatisten, darunter die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), auf der einen und das sri-lankische Militär sowie paramilitärischen singhalesische und tamilischen Anti-LTTE-Einheiten auf der anderen Seite. Am 19. Mai wurde der Bürgerkrieg nach dem Sieg der sri-lankischen Armee offiziell für beendet erklärt.
In der Kerzenkapelle, in der die Tamilen vor einer Kopie der Statue «Unserer lieben Frau» aus dem Wallfahrtsort Madhu auf ihrer Heimatinsel beten, schreiben viele der Gläubigen ihre Wünsche und Nöte in ein Buch. «Sie bitten um Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und schreiben von der Hoffnung, eines Tages doch mal zurück auf die Insel zu gehen», sagt Robinson Joseph vom Vorstand der Tamilischen Gemeinde in Deutschland.
Zum feierlichen Gottesdienst gibt es Musik und Chorgesang in der Sprache der Tamilen. Fahnenträger mit den Flaggen von Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Finnland, Schweden, den Niederlanden, der Schweiz und von Kanada ziehen ein. Pfarrer Zekorn von der Wallfahrtsleitung begrüßt in seinem lilafarbenen Ornat die Menge der Gläubigen. Im letzten Jahr habe das tamilische Volk intensiv den Weg des Leids erlebt. Nun sei der Konflikt auf der Heimatinsel dramatisch beendet worden.
«Ich überbringe das Mitgefühl aller Christen in Deutschland. Wir werden auch künftig für das tamilische Volk beten, auch wenn uns die Hände gebunden sind, etwas politisch Wirksames zu tun. Doch auch mit gebundenen Händen können wir beten,» sagt Zekorn und erhält langanhaltenden Applaus.
Bei der größten Einzelwallfahrt im Marien-Wallfahrtsort wird die Stadt an der Niers für einen ganzen Tag zur «Hauptstadt der Tamilen», wie ein junger Mann aus Frankfurt sagt. Die Wallfahrt führt die oft weit verstreut lebenden Kriegsflüchtlinge zu einem Familienfest in Kevelaer zusammen. Bewegende Szenen spielen sich ab, wenn zumeist Altere lang vermisste Verwandte oder Freunde in die Arme schließen.
Zum Start dieser farbenprächtigen Wallfahrt 1987 waren es nur etwa 50 Pilger, inzwischen ist sie für die von Sri-Lanka stammenden Tamilen ebenso wichtig wie der Marienwallfahrtsort Madhu in ihrer ursprünglichen Heimat. Viele der Tamilen auf der Insel können noch nicht in ihre Heimatorte zurückkehren, weil in den früher umkämpften Gebieten noch Minen entschärft werden müssen. Auch die Lage in den vielen Flüchtlingslagern sei schlimm, hieß es. Den Menschen dort fehle es an Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.
Doch über alle Sorge um die Situation auf der Insel wird in Kevelaer auch gefeiert. Und am Abend, als gegen 21.30 Uhr die Lichterprozession beginnt, ist wieder der Chorgesang zu hören, der trotz aller Melancholie auch fröhlich macht. Der Ort Kevelaer ist wegen Marienerscheinungen in den Jahren 1641/1642 Wallfahrtsort. Mit gut einer Million Pilger im Jahr ist die Stadt inzwischen größter Wallfahrtsort im Nord-Westen Europas.