25.1.2009
Was Erzbischof Marcel Lefebvre bewegte
Ein konservativer Kirchen-Rebell
Von den Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), bei dem er zur Minderheit der entschiedenen Reformgegner zählte, bis zu seinem Bruch mit dem Vatikan 1988 war Lefebvre Wortführer all jener, die am alten Ritus der Messfeier festhalten und eine Anpassung der katholischen Kirche an die modernen Zeiten verhindern wollten. Seit er sich durch die eigenmächtige Weihe von vier Bischöfen ins kirchliche Abseits manövrierte, hat sich seine Gefolgschaft mehrfach gespalten.
Die wichtigste Gruppe ist bis heute die von Lefebvre gegründete "Priesterbruderschaft St. Pius X." (SSPX) geblieben. Sie hält zwar weiterhin die "modernistischen" Konzilsbeschlüsse für falsch, steht aber trotzdem zum Papst in Rom und hat bereits seit einigen Jahren mit dem Vatikan über eine Wiederannäherung verhandelt. Diese vom SSPX-Oberen, dem Schweizer Bernard Fellay, angeführte Strömung steht ganz in der Tradition von Lefebvre, der nach eigenem Bekunden nie die Kirchenspaltung anstrebte, sondern den Kurs der Kirche als konservativer Kritiker zu beeinflussen versuchte.
"Nur das Beste" für seine Kirche
Wie jeder von seiner Sache überzeugte Rebell wollte auch Lefebvre stets "nur das Beste" für seine Kirche - und doch musste der Vatikan ihn ausschließen, weil er sich nicht an die Spielregeln hielt und den Gehorsam verweigerte. Das Beste für die Kirche - das wäre aus Sicht Lefebvres das Festhalten an den katholischen Riten und Glaubenssätzen aus der Zeit Pius X. (1903-1914) gewesen. Dieser hatte den Modernismus verdammt und den "Feinden Christi" nicht den Dialog, sondern den Kampf angeboten. Mit dieser Haltung stand Lefebvre nicht nur gegen den Zeitgeist der 1960-er und 70-er Jahre, sondern auch gegen die Päpste von Johannes XIII. bis Johannes Paul II.
Dass ihm ausgerechnet der polnische Papst, der in Sachen Morallehre entschieden konservativ war, die Exkommunikation androhte, war für Lefebvre besonders tragisch. Doch hatte er sich mit Johannes Paul II. an einem weiteren Punkt überworfen: Dessen Bereitschaft zum Dialog mit den anderen Religionen, vor allem das Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi 1986, war in Lefebvres Augen ein weiterer Schritt des Papsttums in Richtung Häresie. Aus seiner Sicht wurde damit die Lehre untergraben, wonach die katholische Kirche die allein Seligmachende ist. Ähnliches galt für die ökumenische Annäherung an die Protestanten sowie für die kirchliche Anerkennung der Religionsfreiheit.
Hunderttausende sympathisieren mit Lefebvres Bewegung
Bis heute sympathisieren mehrere hunderttausend Laien und einige hundert Priester offen mit der Bewegung Lefebvres, die meisten von ihnen in Europa und in den USA. Sie stellen zwar nur eine Minderheit von knapp 0,1 Prozent der Katholiken, doch sie bewirkten, dass Johannes Paul II. seit 1984 die 1970 flächendeckend abgeschaffte alte Liturgie unter bestimmten Auflagen wieder duldete. Bei seinem Nachfolger Benedikt XVI. rannten sie mit ihrer Kritik am Ungeist allzu moderner Gottesdienste offene Türen ein. Es war nur logisch, dass er am 7. Juli 2007 per Erlass (Motu proprio) den alten Ritus wieder weltweit als "außerordentlichen Ritus" der römischen Kirche erlaubte.
Für Lefebvre kamen diese Zugeständnisse zu spät. Die innere Dynamik des Prozesses, der den einstigen Papst-Gesandten erst zum Wortführer einer konservativen Strömung und dann zum "Kirchenspalter von rechts" werden ließ, ist bis heute nicht restlos erklärt. Auch der damalige Kardinal Joseph Ratzinger stand vor einem Rätsel, als Lefebvre eine von ihm ausgehandelte Fünf-Punkte-Erklärung buchstäblich über Nacht wieder zurückzog.
Für seine Anhänger freilich waren die Motive des Rebellen stets redlich. Sie bezweifelten denn auch, dass sich Lefebvre die Tatstrafe der Exkommunikation überhaupt zuzog, als er 1988, drei Jahre vor seinem Tod, gegen das Verbot des Papstes vier Bischöfe weihte, um das Überleben seiner Priesterbruderschaft zu sichern.
Sie zweifelten die Wirksamkeit des Exkommunikations-Entscheids an und beriefen sich auf kirchenrechtliche Sondermeinungen. Demnach hätte Lefebvre wegen der akuten Notsituation nach dem Konzil ein Recht - oder gar die Pflicht - gehabt, die päpstliche Anordnung zu übertreten. Nun können sie sich in der schrittweisen vatikanischen Kurskorrektur der vergangenen Jahre in ihrer Haltung bestätigt sehen. Selbst eine posthume Rehabilitierung für den einst verstoßenen Lefebvre scheint nicht mehr ausgeschlossen.
( Ludwig Ring-Eifel / kna )