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7.10.2008

Diskussion um Sterbehilfe in katholischer Gemeinde Ratzeburg

Kusch contra Katholiken

Die Vorbereitungen für erneute Sterbehilfe seien "weitgehend abgeschlossen". Das hatte der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch am Wochenende verlautbart. Und daher fand er am Montag die Zeit, sich in der katholischen Gemeinde Ratzeburg kritischen Fragen zu stellen. Pfarrer Felix Evers hatte den umstrittenen Suizidbegleiter zum "Montagsgespräch" eingeladen, bei dem es traditionell um Fragen des Lebensendes geht.

 (© ddp )

(© ddp)

Symbolischer hätte sein Platz nicht gewählt sein können. Als Roger Kusch, früherer Hamburger Justizsenator und wegen seiner öffentlich angekündigten Suizidbegleitung eine der größten Reizfiguren in Deutschland, sich auf seinen Stuhl setzt, blickt der heilige Answer direkt auf ihn - in Gestalt eines lebensgroßen Porträts des Ratzeburger Gemeindepatrons. Neben Kusch nimmt Pfarrer Felix Evers Platz. Die Zuhörer rücken eng zusammen, bis in den Flur stehen sie. Der einsame Sterbehilfebefürworter gegen die Position der katholischen Kirche: ein Abend mit Zündstoff.

Pfarrer Evers hatte viel Kritik für die Auswahl des Redners hinnehmen müssen. Kusch eine Plattform zu bieten, sei verantwortungslos; solche Positionen gehörten nicht in katholische Gemeinderäume. Evers entgegnet: «Wir dürfen die Ansichten, an denen wir uns reiben, nicht immer nur aus zweiter Hand erfahren.» Deshalb blieb Kusch alleiniger Redner und erhielt Zeit, um seine Meinung darzulegen.

Kusch spricht frei, rhetorisch geschliffen. Als Justizsenator sei ihm bewusst geworden: In Deutschland gebe es zwei Kategorien von Menschen. Die einen fänden dank ihres Geldes immer wieder halblegale Schlupflöcher; die anderen seien arm und könnten solche Auswege nicht nutzen. Augenfällig sei das bei der Debatte um die Legalisierung der Abtreibung in den 1970er Jahren geworden. Die Reichen fuhren nach Amsterdam, die Armen waren hilflos. Genau wie bei der Sterbehilfe. Wer es sich leisten könne, gehe in die Schweiz oder in die Niederlande.

Mit einem nach ihm benannten Sterbehilfeverein will der Jurist nach eigenem Bekunden Menschen helfen, die das nicht zahlen können. Er hat die Lücken in der Gesetzgebung erkannt und bietet Suizidbegleitung auf legalem Weg an. Die Bedingungen: eine unheilbare Krankheit, geistige Klarheit, ein plausibler Sterbewunsch und ein Wohnort in Deutschland. Kostenfaktor: 8.000 Euro. Kritiker werfen dem früheren CDU-Politiker deswegen Geschäftemacherei vor.

Zwei Frauen hat der Sterbehilfeaktivist bislang nach eigenen Angaben zum Suizid verholfen, drei weitere Personen stehen angeblich auf der Warteliste. Seine Legitimation: Jeder Mensch darf in Autonomie über sein Leben bestimmen. Den Frauen habe er damit den Sprung vom Michel oder vor den ICE erspart. «Es gibt einfach keine Methode des würdevollen Suizids, bei dem kein anderer hilft.» Ob die Betroffenen indes tatsächlich unheilbar krank waren oder nur lebensmüde, wie es einige der auf Kuschs Homepage veröffentlichten Videos nahelegen, bleibt offen.

Einsicht auf beiden Seiten
Ende des Vortrags, Beifall, Pfarrer Evers eröffnet die Diskussion. Die neuralgischen Punkte kristallisieren sich schnell heraus. Wie ist es wirklich um die von Kusch propagierte Autonomie des Menschen bestellt? «Unter dem Aspekt des christlichen Glaubens kann ich diese Frage nachvollziehen, und ich respektiere jeden, der diese Meinung vertritt», räumt Kusch ein. «Aber auch ein Christ darf anderen Menschen nicht vorschreiben, was sie zu denken haben.»

Ob er nicht eine Bewegung ins Rollen gebracht habe, die bald nach den kapitalistischen Mechanismen des Marktes funktioniert, so die nächste Frage. Er warte schon seit drei Jahren auf Nachahmer, kontert Kusch. «Vor allem unter Ärzten, die viel besser dafür geeignet wären als ich.» Eine Dame steht auf. «Herr Kusch, zwischen dem, was Sie betreiben, und den vielen anderen Möglichkeiten wie der Hospizbewegung und der Palliativmedizin klafft eine große Lücke. Klären Sie die Menschen über andere Wege auf?» Kusch: «Die Menschen, die zu mir kommen, wollen sterben.»

Ein Bild, sagt Pfarrer Evers am Ende, bleibe ihm in Erinnerung.
«Während Sie, um nicht juristisch belangt werden zu können, kurz vor dem Sterben aus dem Zimmer hinausgehen müssen, gehe ich als Priester in diesem Moment hinein.» Würde er Kusch wieder einladen? «Auf jeden Fall», sagt Evers nach der Diskussion. Erst jetzt habe er seine Position verstanden. «Auch wenn ich eine andere Meinung vertrete.»

( Kilian Trotier / kna )