12.2.2008
Psychiater und Autor Dr. Michael Winterhoff im domradio über sein neues Buch
"Warum unsere Kinder Tyrannen werden"
In über 20 Jahren praktischer Erfahrung fiel Michael Winterhoff auf, dass sich Kinder wie Jugendliche in den letzten Jahren in ihrem Verhalten dramatisch verändert haben: Sie verweigern unter anderem grundlegende Regeln des Sozialverhaltens wie Grüßen und Zuhören oder Zurückhaltung und Wahrnehmen des Anderen. "Wenn man diese Veränderung auf den Punkt bringen möchte, ist es so, dass wir es heute immer mehr mit respektlosen Kindern zu tun haben", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater.
"Eltern verschmelzen mit der Psyche ihrer Kinder"
In der Praxis begegne er überwiegend Kindern, deren Eltern bewusst und engagiert erziehen, berichtet Winterhoff. Demnach könne dieses Verhalten nicht mit der Frage der Erziehung einhergehen. Mehr sei es eine Frage der Entwicklung.
"Worüber wir dringend sprechen müssen ist, dass die Voraussetzung für ein Erwachsenenleben eine psychische Reifeentwicklung ist", erklärt Winterhoff. Diese Entwicklung finde heute kaum mehr statt. Grund dafür seien unbewusste aber gravierende Beziehungsfehler der Eltern. "Es passiert heute sehr oft, dass Eltern mit der Psyche des Kindes verschmelzen und damit nicht mehr zwischen sich und dem Kind unterscheiden", beobachtet Winterhoff. Auf diese Weise mache das Kind die Erfahrung "den Erwachsenen permanent steuern zu können". Der Erwachsene verliere dadurch seinen erzieherischen Einfluss, so Winterhoff weiter. Das Resultat daraus: Das Kind verbleibt in der frühkindlichen, "respektlosen" Phase, entscheidende Lernprozesse finden nicht statt.
"Wenn Sie die Kinder in einer Grundschule auffordern, ein Buch herauszunehmen, werden Sie feststellen, dass das nur noch ein Drittel der Kinder tut", so Winterhoff. "Von der gesunden, psychischen Entwicklung ausgehend, würde sich ein dreijähriges Kind schon am Erwachsenen orientieren", erklärt der Psychiater weiter. "Aber heute ist es leider so, dass die Kinder sich nicht mehr am Erwachsenen ausrichten, sondern diesen zwingen, sich auf sie auszurichten."
Wie kleine Erwachsene
Der Hintergrund solcher "Beziehungsstörungen" seien nicht zuletzt gesellschaftliche Veränderungen. Auch der Erwachsene sei heute auf der Suche nach Struktur. Außerdem sei unsere Gesellschaft nicht mehr positiv auf die Zukunft ausgerichtet ist. Mit einer negativen Prognose kann man nicht gut leben. Es "ergibt sich die Gefahr, dass das Kind zur Kompensation benutzt wird", sagt Winterhoff. Kinder würden dann oft wie kleine Erwachsene behandelt. "Ich hoffe, dass Eltern durch dieses Buch erst einmal überprüfen, in welcher Position sie stehen und ob sie ein Kind noch als Kind sehen", so Winterhoff.
Jahrelang lag das Konzept zu diesem Buch in seinem Schreibtisch. Heute, nach der Veröffentlichung ist es Winterhoff wichtig, dass es als psychiatrische Analyse und nicht als pädagogisches Buch mit Lösungsvorschlägen verstanden wird. "Man muss sehen, dass diesen Kindern nicht durch Pädagogik geholfen werden kann. Sie müssen eine Chance bekommen psychisch nachzureifen."
Das Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden Oder: Die Abschaffung der Kindheit." ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 17,05 Euro.